Der Datenbestand

Die analog angelegte Aktensammlung von Günter Peter Straschek besteht aus Papierakten, die bislang nicht digital vorliegen. Dieser Bestand steht im Zentrum von MGFE; aus ihm wurden die Kerndaten für das Projekt zusammengetragen.1

Die Lückenhaftigkeit der Daten und die vielen Leerstellen in der Straschek-Sammlung stellen eine Herausforderung dar. Andererseits ist die historische Forschung immer mit Lücken konfrontiert und arbeitet mit diesen, indem sie etwa fragt, wie sie zustande gekommen sind. Wir begegnen diesen Herausforderungen auch mit einem datenkritischen Ansatz, der die lokale Situiertheit von Daten mitreflektiert.2

Provenienz der Daten

Bis Ende der 1970er-Jahre notierte Straschek während Telefongesprächen Informationen auf Zetteln oder erfasste in langen persönlichen Gesprächen zuweilen auch stenografisch die Lebensgeschichten von Exilant:innen. Bis in die späten 1990er-Jahre trug er auch Informationen aus ausführlichen Briefkorrespondenzen zusammen, die er mit Angaben aus Fragebögen und aus Geburts-, Sterbe- oder Heiratsurkunden und aufwändig in Archiven recherchierten Daten ergänzte. Straschek schaute zudem systematisch Nachschlagewerke und Zeitschriften aus den 1930er- und 1940er-Jahren durch, und legte diese oft in Kopie in die Akten. Zuweilen stellten ihm die Exilant:innen auch persönliches Material wie Fotos, Urkunden oder Akten für seine Arbeit zur Verfügung.

Viele der von Straschek versandten Fragebögen kamen nur lückenhaft ausgefüllt oder überhaupt nicht zurück. Viele der gesuchten Personen waren in den 1970er-/1980er-Jahren schon verstorben, und es lebten auch keine Verwandten mehr, die die Informationen verifizieren konnten. Die Angaben auf den Deckblättern blieben entsprechend unvollständig. In seiner Korrespondenz mit den Filmexilant:innen verschickte er erste Entwürfe zu Lexikoneinträgen, in denen er Lücken stehen ließ, die die Briefpartner:innen ausfüllen sollten. Da die Fragen sehr detailliert waren, blieben auch die Antworten lückenhaft; auch weil sich viele Angeschriebene gar nicht mehr oder nur teilweise an das Erlebte erinnern konnten. Diese Lücken blieben bis in die letzten Entwürfe für die Lexikoneinträge als Fragezeichen bestehen.

Strascheks Unterlagen zu den Filmexilant:innen wurden immer umfangreicher und so kam es für seine Beiträge für ein Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 19333 von 1980 zum Zerwürfnis, da es eine strenge formale Vorgabe für die Daten eines Personenbeitrags gab, die Straschek nicht einhalten konnte, da viele Personen nicht überprüfbar waren. Straschek sollte sich von einigen Personen ‹trennen›. Er geriet in Verzug und sah seine Auswahl nicht adäquat repräsentiert. Daraufhin beschloss er, ein eigenständiges, unabhängiges Lexikon in drei Bänden zum Filmexil herauszubringen – welches aber nie fertig wurde.

Für Personenakten, zu denen er hinreichend Informationen zusammentragen konnte, legte Straschek – zuerst handschriftlich, später mit Schreibmaschine – ein so genanntes Deckblatt an. Auf welchen spezifischen Quellen eine bestimmte Information auf einem Deckblatt beruht, hat er nicht notiert. Grundlage für die Erfassung von Personendaten im Projekt MGFE waren zunächst diese Deckblätter.

Zwischen 2019 und 2022 wurden die Personenakten von Straschek von der Deutschen Nationalbibliothek über deren Bibliothekserfassungssystem mit Normdaten der Gemeinsamen Normdatei (GND) aufgenommen oder mit vorhandenen Namen verknüpft.4

Zuverlässigkeit der Daten

Aufgrund der Sammlungsgeschichte bleibt der Datenbestand punktuell lückenhaft oder nicht abschließend überprüfbar. Es handelt sich um einen Bestand von «lokalen Daten», um einen Begriff von Yanni Alexander Loukissas aufzugreifen. Mit dem Verweis auf die unauflösbare Lokalität von Daten versucht Loukissas dem «Mythos eines digitalen Universalismus» zu begegnen.5 Eine problematische Universalisierung kann entstehen, wenn Unvollständigkeit in Tabellen und Visulisierungen unsichtbar gemacht wird. MGFE versucht, auf Lücken und Unvollständigkeiten hinzuweisen. Es folgen einige Kennzahlen zum aufbereiteten Bestand.

Eine naheliegende Frage, die mit der Straschek-Sammlung verbunden ist, betrifft die konkrete Anzahl recherchierter Exilant:innen. Diese Frage ist aber aus verschiedenen Gründen nicht so einfach zu beantworten. So verstehen nicht alle Forscher:innen genau das Gleiche unter dem Filmexil. Straschek selbst hat in der Tendenz sehr viele Menschen in seine Recherche miteinbezogen und schlussendlich auch eine Akte angelegt. Dabei hat er auch Kinder und Angehörige von Personen, die in der Film- und Kinobranche tätig waren, mit aufgenommen und die Branche auch sehr weit verstanden. Für MGFE stellt sich die Frage, wie mit diesen Unschärfen umzugehen ist. Im Laufe der Arbeit wurde ein Kriterienkatalog entwickelt, um zu entscheiden, welche Personen für die Plattform aufgenommen werden sollen.

Da der Fokus von MGFE auf der Erwerbsarbeit in der Kino- und Filmindustrie 1930 bis 1950 liegt, sind Kinder (nach 1919 Geborene) nicht in der Datenbank erfasst. Ebenso wurden einige Personen ohne Migrationsbiografie nicht in den Kernbestand aufgenommen. In der hier publizierten MGFE-Datenbank sind insgesamt 3.864 Menschen namentlich verzeichnet. Das sind Personen, die entweder als Straschek-Personenakte geführt wurden oder in dieser Erwähnung finden.

Die nachfolgende Tabelle gibt einen Einblick in unterschiedliche Informationen, die in verschiedenen Beständen vorhanden sind. Der Anteil an Frauen beträgt überall um die 20%.

Tabelle 1: MGFE-Daten im Vergleich mit anderen Straschek-Datenbeständen
Personenmännlich %weiblich %
MGFE3.8648020
Straschek Namensliste 19871.3718317
Straschek Akten3.1128416
Straschek gesamt4.4588020
  • MGFE = Personen-Auswahl für das Projekt
  • Straschek Namensliste 1987 = Erste publizierte Liste von Straschek in Loewy, Ronny (Hg.) (1987) Von Babelsberg nach Hollywood. Filmemigranten aus Nazideutschland: Exponatenverzeichnis. Schriftenreihe des Deutschen Filmmuseums. Frankfurt am Main: Deutsches Filmmuseum, S. 8-22.
  • Straschek gesamt = Gesamtanzahl Personen mit Kindern, Nicht-Exilant:innen und Personen, die im weitesten Sinne mit dem Straschek Nachlass assoziierbar sind (= 4.458 Personen davon m = 3.555 und w = 903; davon 303 nach 1919 geborene Kinder).

Soweit möglich wurde der Datenbestand aus den Straschek-Deckblättern mit anderen Quellen verglichen und mit zusätzlichen Informationen angereichert. Drei Datenbestände haben sich als besonders hilfreich erwiesen:

1) Die Gemeinsame Normdatei (GND), ein Dienst «um Normdaten kooperativ nutzen und verwalten zu können. Diese Normdaten repräsentieren und beschreiben Entitäten […] die in Bezug zu kulturellen und wissenschaftlichen Sammlungen stehen. […] Jede Entität erhält in der GND einen eindeutigen und stabilen Bezeichner (GND-ID). Die Normdaten können dadurch sowohl untereinander als auch mit externen Datensätzen und Webressourcen verknüpft werden. Auf diese Weise entsteht ein organisationsübergreifendes, maschinell auswertbares Datennetzwerk.»6

In den Personenakten von Straschek tauchen Namen von Filmexilant:innen auf, die keine eigene Akte bei Straschek haben, aber diese Personen besitzen eine GND-ID.7

2) Wikidata ist ein Zentralisierungsprojekt von Wikipedia für Daten und beruht auf einer frei bearbeitbaren Wissensdatenbank, die bestimmte Datentypen, wie zum Beispiel Geburtsdaten, zur Verfügung stellt. Für die Daten der Filmexilant:innen wird auf der deutschsprachigen Wikipedia oft Kay Weniger (2011) als Quelle angegeben.8

3) In der Internet Movie Database (IMDb) ist eine Reihe von Personen aus dem MGFE-Bestand mit mindestens einem Film genannt. Die Einträge bei IMDb kommen über Nennungen im Vor- oder Abspann zustande oder werden mit dem Verweis «uncredited» posthum gewürdigt. Die Filminformationen von IMDb sind für die einzelnen Exilant:innen bis zum Produktionsjahr 1997 vollständig aufgenommen.9

Von den MGFE-Personen finden sich 93 % bei der GND, bei Wikipedia 64 % und mit der IMDb konnten nur noch gerade die Hälfte der Personen verknüpft werden.

Schaubild 1: MGFE-Daten im Vergleich zu anderen Beständen

n = 3.864

Nach absoluten Zahlen und Geschlecht aufgeschlüsselt wird ersichtlich, dass bei IMDb in Prozent ein paar mehr Frauen einen Eintrag haben.

Tabelle 2: Datenbestand MGFE im Vergleich zu anderen Beständen
Personen männlich %weiblich %
MGFE3.8648020
GND3.6098119
Wikidata2.4658020
IMDb1.9267822

Um ein wenig mehr über die unterschiedliche Vollständigkeit bzw. Lückenhaftigkeit der verschiedenen Datenbestände zu erfahren, sind in der nachfolgenden Aufstellung ein paar Kerninformationen aufgeführt.

Tabelle 3: Vollständigkeit der Personendaten in den unterschiedlichen Beständen in Prozenten
Personen Geburtsjahr %Geburtsort %Sterbejahr %Sterbeort %
MGFE3.86493918682
GND3.60995918679
Wikidata2.46599899685
IMDb1.92672696967

Auch wenn nur 64 % aller Personen in unserem Kernbestand einen Eintrag bei Wikidata haben, so weist diese Quelle insgesamt am wenigsten Lücken auf; allerdings sind die Daten bei GND meist zuverlässiger, da ihr Aufnahmeprozess über mindestens zwei Quellen gesichert sein muss.

Angaben zu Tätigkeiten

Straschek führte auf dem jeweiligen Deckblatt in den Personenakten die verschiedenen Berufe bzw. Tätigkeiten auf, die die Exilant:innen im Laufe ihres Lebens ausgeübt haben. Dabei wurde nicht zwischen vor, auf und nach der Flucht unterschieden und die Angaben beruhen in der Regel auf Selbstauskünften von den Personen oder Angaben, die Angehörige über sie machten. In 91 % aller Akten wird eine berufliche Tätigkeit angegeben. Der Anteil der Frauen, bei denen keine Tätigkeit angeben wurde, ist dabei bedeutend höher, er beträgt nämlich 35 % (im Vergleich zu den 20 % Frauen bei MGFE).

Tabelle 4: Datenbestand zu den Tätigkeiten
Personen Männer %Frauen %
Tätigkeit erwähnt3.5358218
Keine Tätigkeit erwähnt3296535
n = 3.864

Um ein besseres Verständnis von den Berufstätigkeiten zu bekommen, haben wir die Tätigkeiten in drei Gruppen unterteilt: in solche, die eindeutig als Arbeiten in der Film- und Kinoindustrie bestimmbar sind, solche, die damit nichts zu tun haben, und eine dritte Kategorie umfasst die Tätigkeiten, die nicht eindeutig der Film- und Kinoindustrie zuordenbar sind. Dazu gehören etwa Tätigkeiten, die sowohl beim Film, als auch beim Theater oder in einem Orchester ausgeübt werden können, wie etwa Musiker:innen. Nicht Teil der Film- und Kinobranche wären beispielsweise Anwaltskanzleien oder medizinische Tätigkeiten. Die nachfolgende Tabelle gibt einen Einblick in die Verteilung in die drei genannten Kategorien.

Tabelle 5: Tätigkeiten nach Branchen in Prozenten
Nennungen %
Tätigkeit im Film- und Kinobereich56
Film/Kino und andere künstlerische Bereiche20
Andere Branchen24
n = 14.293

Datenbestand: Tätigkeiten Straschek-Deckblätter (Mehrfachnennungen möglich; pro Person wurden im Durchschnitt zwischen drei und vier Tätigkeiten aufgeführt)

Exilländer

Für das MGFE ist es interessant zu erfahren, in welche Länder die Exilant:innen fliehen konnten; manche Länder waren nur Transit- oder Durchgangsstationen, die Flucht verlief oft über mehrere Länder. Straschek hat versucht, zu allen Personen einen möglichst vollständigen Fluchtweg zu recherchieren, was aber auch im Anbetracht der vielen Personen, die er in seinen Akten geführt hat, schier unmöglich war. Im Unterschied zur GND, wo die Exilländer unabhängig von der jeweiligen Fluchtroute erfasst sind, hat Straschek die Fluchtwege wiederzugeben versucht, indem er die Exilländer chronologisch erfasst hat. Werden sowohl die Informationen von Straschek wie auch die aus der GND zusammengeführt, gibt es für etwa 82 % eine Information zu der Fluchtroute (3.168 von 3.864 Personen).

Tabelle 6: Exilländerangaben in den MGFE-Daten
Personen mit Exilland% Grundgesamtheit
Straschek2.66869
GND2.92576
Exilland aggregiert (GND und Straschek gemeinsam)3.16882
n = 3.864

Wie die beiden nachfolgenden Tabellen zeigen, finden sich im Vergleich mit der GND bei Straschek vor allem mehr Personen, die drei und mehr Exil- bzw. Transitländer angegeben haben.

Tabelle 7: Exilländerangaben bei Straschek
Personen mit Exilland%
Straschek insgesamt2.668100
1 Land1.41453
2 Länder65625
331412
41706
5963,6
615<1
72
81
n = 2.668
Tabelle 8: Exilländerangaben in der GND
Personen mit Exilland%
GND insgesamt2.925100
1 Land1.94166
2 Länder69324
32338
4421,4
512<1
63
71
n = 2.925
  1. Archiv Günter Peter Straschek [bibliothek.de/item/NDJ2DBVRCS6EPAIC62TLNX2TOOOKWM27 (letzter Zugriff am 01.03.2024)]. ↩︎
  2. Siehe dazu: Loukissas, Yanni Alexander (2019) All Data Are Local: Thinking Critically in a Data-Driven Society. Cambridge, MA: MIT Press; van Es, Karin/Verhoeff, Nanna (Hg.) (2023) Situating Data. Inquiries in Algorithmic Culture. Amsterdam: Amsterdam University Press. ↩︎
  3. Röder, Werner et al. (Hg.) (1999) Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Unveränderter Nachdruck der gebundenen Ausgabe von 1980. München: Saur. ↩︎
  4. Portal der Deutschen Nationalbibliothek mit den Straschek-Akten [https://d-nb.info/1031107916 (letzter Zugriff am 01.03.2024)]. ↩︎
  5. Loukissas, Yanni Alexander (2019) ibid. ↩︎
  6. Gemeinsame Normdatei (GND) [https://www.dnb.de/DE/Professionell/Standardisierung/GND/gnd_node.html (letzter Zugriff am 01.03.2024)]. ↩︎
  7. Ein Beispiel wäre Isidor Goldberger, der Bruder von Willy Goldberger, dessen Briefe und Unterlagen sich in der Straschek-Personenakte von Willy Goldberger befinden. Beide waren Kameramänner und Filmexilanten. ↩︎
  8. Weniger, Kay (2011) «Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben … » Lexikon der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945. Eine Gesamtübersicht. 1. Aufl. Hamburg: Acabus Biografie. In der Publikation gibt es keine Quellenangaben und somit können Personendaten kaum überprüft werden. ↩︎
  9. Die filmografischen Daten auf IMDb unterliegen den Regeln der Datenbank. ↩︎