Geburtsorte
In den Straschek-Akten sind die Lebensdaten besonders sorgsam zusammengetragen worden; vereinzelt wurden sogar Geburtsurkunden angefragt und meist in Kopie, manchmal auch im Original, den Akten beigelegt.
Die Grenzen innerhalb Europas waren nach dem Ersten Weltkrieg 1918 soweit verändert, dass die Geburtsorte vieler Exilant:innen, die vor 1914 etwa noch in Österreich-Ungarn geboren wurden, heute in ganz verschiedenen Ländern liegen. Vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg veränderten sich die Grenzen aufs Neue, so dass zeitgenössische Karten weitere Herkunftsländer anzeigen würden. In den folgenden Darstellungen verzichten wir auf die Wiedergabe von historischen Nationalgrenzen und konzentrieren uns auf Ortschaften und Städte.
Die weit verstreuten Geburtsorte sind ein erstes Indiz dafür, welche Anziehungskraft von der damaligen Film- und Kinoindustrie in Deutschland für das künstlerische Schaffen ausging.
Die Arbeit beim Film führt Menschen der unterschiedlichsten familiären, regionalen und nationalen Herkünfte zusammen. Bis Anfang der 1930er-Jahre stellte sie eine Möglichkeit dar, Neues kennen zu lernen, aber auch Selbstreflexion, und Ausblick auf den jeweils anderen wurde durch die Film- und Kinoindustrie für eine Generation möglich und erstrebenswert. Die gesellschaftlichen Zwänge, wozu auch das Militär sowie stereotype Erwartungen und Zuschreibungen an Geschlechterrollen gehörten, konnten in Frage gestellt werden. Die Filmwelt versprach einen Weg daraus auszubrechen.
Die nachfolgende Tabelle und das darauffolgende Schaubild listen Geburtsorte in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit auf. Dabei wurden nur Orte mit mehr als fünfzehn Personen in den Überblick der Tabelle 1 aufgenommen.
Tabelle 1 zeigt einige Ballungszentren an, wie etwa Berlin (547 Personen) oder Wien (694 Personen). Damit wird deutlich, dass das österreichische Filmexil1 in den Akten von Straschek eine wichtige Bedeutung hat. Die beiden Städte Berlin und Wien machen zusammen ein Drittel aller Geburtsorte aus. In Budapest wiederum wurden mehr Exilant:innen geboren als in München oder Prag.
Tabelle 1: Geburtsorte von Filmexilant:innen
| Geburtsort | Anzahl Personen |
|---|---|
| Wien | 694 |
| Berlin | 547 |
| Budapest | 87 |
| Hamburg | 60 |
| München | 56 |
| Prag | 54 |
| Breslau/Wrocław | 50 |
| Frankfurt am Main | 46 |
| Brünn/Brno | 39 |
| Köln | 31 |
| St. Petersburg, Kaliningrad/Калинингра́д | 26 |
| Dresden, Leipzig | 25 |
| Mannheim | 24 |
| Lwiw/Львів | 22 |
| Hannover | 20 |
| Czernowitz/Чернівці | 19 |
| Stuttgart | 18 |
| Posen/Poznań | 17 |
| Nürnberg | 16 |
| Stettin/Szczecin, Moskau, Elberfeld | 15 |
Quelle: GND
Auf dem folgenden interaktiven Schaubild ist für jeden Geburtsort ein Punkt an der entsprechenden Stelle auf einer Karte von Europa gesetzt, der je nach Häufigkeit in der Größe variiert. Wird das Schaubild mit einer Computermaus angesteuert, werden die einzelnen Ortsnamen und die Anzahl der Exilant:innen angezeigt, die dort geboren wurden.
Interaktives Schaubild 1: Kartographische Visualisierung der Geburtsorte in Europa
n = 3.256
Datengrundlage: GND, Visualisierung unter Berücksichtigung der Häufigkeiten
Wird im interaktiven Schaubild 2 der Kartenausschnitt vergrößert, tauchen die vielen kleinen Ortschaften auf, in denen die Exilant:innen geboren wurden. Diese verteilen sich über ganz Osteuropa; mit Ballungszentren in Breslau/Wrocław, Warschau/Warszawa, Lemberg/Lwiw/Львів, Kaliningrad/Калинингра́д und St. Petersburg, die genau so häufig vorkommen wie Orte in der Rhein-Main Region oder dem Ruhrgebiet.
Eine etwas entferntere Perspektive zeigt sodann eine globale Perspektive. Wir sehen über die Grenzen Europas hinaus einige Geburtsorte in Kanada und Indien, wie auch in Südamerika. Die Karte ist ein Indiz für die Interkulturalität der Filmindustrie in den Vorkriegsjahren, wie sie etwa auch in Thomas Elsaessers Aufsatz Heavy traffic2 und den Cinegraph-Büchern über den europäischen3 und transatlantischen Austausch4 der Universum Film AG (Ufa) und anderer deutscher Filmproduktionsfirmen betont wird. Deutschland und insbesondere Berlin waren vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten attraktive Orte für Filmbeschäftigte, die besonders aus Wien5 und ganz Europa hier zusammenkamen6.
Interaktives Schaubild 2: Kartographische Visualisierung der Geburtsorte aller Exilant:innen weltweit
n = 3.256
Datengrundlage: GND, Visualisierung unter Berücksichtigung der Häufigkeiten
- Siehe auch die Überschneidungen der Straschek-Akten und der Personen in Christian Cargnellis und Michael Omastas (1993) Aufbruch ins Ungewisse. Lexikon, Tributes, Selbstzeugnisse. Wien: Wespennest. ↩︎
- Elsaesser, Thomas (1993) Heavy Traffic: Perspektive Hollywood. Emigranten oder Vagabunden? In: London Calling. Deutsche im britischen Film der dreissiger Jahre. Ein CineGraph Buch. Hg. v. Jörg Schöning. München: edition text + kritik, S. 21–41. ↩︎
- Schiemann, Swenja/Wottrich, Erika (2021) Grenzüberschreitende Licht-Spiele. Deutsch-niederländische Filmbeziehungen. Ein CineGraph Buch. München: edition text + kritik; Sturm, Sibylle M./Wohlgemuth, Arthur (Hg.) (1996) Hallo? Berlin? Ici Paris! Deutsch-französische Filmbeziehungen 1918–1939. Ein Cinegraph Buch. München: edition text + kritik; Wahl, Chris (2009) Sprachversionsfilme aus Babelsberg. Die internationale Strategie der Ufa 1929–1939. München: edition text + kritik. ↩︎
- Distelmeyer, Jan (Hg) (2010) Alliierte für den Film. Arnold Pressburger, Gregor Rabinowitsch und die Cine-Allianz. 20 Jahre. Ein CineGraph Buch. München: edition text + kritik; Wottrich, Erika (Hg) (2002) M wie Nebenzahl. Nero-Filmproduktion zwischen Europa und Hollywood. Ein CineGraph Buch. München: edition text + kritik; Wottrich, Erika (Hg) (2001) Deutsche Universal. Transatlantische Verleih- und Produktionsstrategien eines Hollywood-Studios in den 20er und 30er Jahren. Ein CineGraph Buch. München: edition text und kritik. ↩︎
- Zum Austausch zwischen Wien und Berlin siehe: Schlösser, Hermann (2011) Die Wiener in Berlin. Ein Künstlermilieu der 20er Jahre. Wien: Edition Steinbauer; Cargnelli, Christian (Hg) (2005) Gustav Machaty. Wien: Synema; Fetz, Bernhard/Schlösser, Hermann (Hg.) (2001) Wien, Berlin. Mit einem Dossier zu Stefan Großmann. In: Profile. Magazin des österreichischen Literaturarchivs 7, 4, Wien: Paul Zsolnay; Sannwald, Daniela (1999) Metropolis. Die Wien-Berlin-Achse im deutschen Film der 10er und 20er Jahre. In: Elektrische Schatten. Beiträge zur österreichischen Stummfilmgeschichte. Hg. v. Francesco Bono, Paolo Caneppele & Günter Krenn. Wien: Filmarchiv Austria. ↩︎
- Kreimeier, Klaus (1995) Die Ufa-Story: Geschichte eines Filmkonzerns. Lizenzausg. Heyne Filmbibliothek Bd. 32/230. München: W. Heyne. ↩︎