Das Archiv Günter Peter Straschek
MGFE basiert auf den Personenakten des Straschek-Nachlasses. Der Bestand wird seit 2012 im Deutschen Exilarchiv 1933-1945 in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main archiviert.1
Günter Peter Straschek war ein Filmemacher und Filmexilforscher, 1942 in Graz geboren und 2009 in Wien gestorben, der sich über 40 Jahre lang mit dem deutschsprachigen Filmexil beschäftigt hat. Im Anschluss an seine fünfstündige Fernseharbeit Filmemigration aus Nazideutschland (BRD 1975, WDR) forschte er gemeinsam mit dem Filmwissenschaftler Thomas Koebner im Rahmen einer mehrjährigen Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) von 1976 bis 1982 zum Thema. Spätestens ab 1983 wurde das Projekt finanziell maßgeblich von Strascheks Lebensgefährtin Karin Rausch getragen, die auch inhaltlich am Projekt mitgearbeitet hat. Straschek zog mit der Sammlung mehrfach um; in den 1970er Jahren nach England und in den 1980er Jahren von Wien nach Shanghai und später nach Delhi. Das Recherchieren wurde immer mehr zu seinem Lebensinhalt und die Öffnung der Archive in Osteuropa nach 1989 trug dazu bei, dass er seine Archivrecherchen nochmals ausweitete. Laut Karin Rausch wurden zuweilen Urlaubsziele nach den Wohnorten von Exilant:innen ausgesucht.2
Das Museum Ludwig in Köln widmete ihm 2018 die Ausstellung «Günther Peter Straschek: Emigration – Film – Politik».3 Im umfangreichen Ausstellungskatalog wird dabei nicht nur seine filmhistorische Arbeit zum Filmexil beleuchtet, auch seine anderen Film- und Fernseharbeiten und sein (film)politisches Engagement sind Gegenstand der Publikation. Er gehörte zur ersten Generation von Filmstudierenden an der 1966 neu gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie (DFFB) in Berlin, wobei er sein Studium dort nicht abschloss.4
Unter den Filmexilforscher:innen wird Günter Peter Straschek auch kritisch gesehen, vor allem weil seine Recherchen trotz jahrelanger Förderung durch die DFG nie veröffentlicht wurden. Die Recherchen hätten auch anderen Forscher:innen in ihren Arbeiten weiterhelfen können, aber Straschek bestand auf Vollständigkeit, die sich besonders für die Exilforschung als unerreichbar herausstellte. Der wissenschaftlichen Qualität verpflichtet, die er allein nicht leisten konnte, verzettelte er sich immer weiter. Für sein Vorhaben hätte es einer noch größeren Gruppe an Forscher:innen bedurft und auch einer Öffnung hin zu gemeinsamer Arbeit mit anderen Exilforscher:innen.
Der Nachlass
1976 bewarb sich Straschek über den Arbeitsbereich von Thomas Koebner in der Germanistik an der Bergischen Universität Wuppertal mit Erfolg um die Förderung eines wissenschaftlichen Vorhabens. Dieses trug den Titel «Geschichte der deutschsprachigen Filmemigration 1933–1945 (bis Gegenwart), dargestellt am Werk und Schicksal der (rund 900) exilierten Filmschaffenden» (in Kurzform «Geschichte der deutschsprachigen Filmemigration») und wurde bei der DFG eingerichtet. Die DFG förderte seit Anfang der 1970er-Jahre einen Schwerpunkt zur Exilforschung; in diesem Rahmen wurde auch das Vorhaben von Straschek und Koebner zwischen 1976 und 1982 mehrfach finanziell unterstützt.
Für sein Vorhaben schrieb Straschek nach dem Schneeballprinzip Personen an und versendete umfangreiche Fragebögen. In diesen Fragebögen wurden Lebensdaten, Angaben zu Familienangehörigen, zum Lebenslauf, zur Fluchtgeschichte und zur Berufstätigkeit im Exil angefragt. Detailfragen richteten sich beispielsweise auch auf die Arbeitserlaubnis im Ausland, Gewerkschaftszugehörigkeit, Agenturen, Erfahrung mit Hilfsorganisationen und Schwierigkeiten im Kontext der Anhörungen des House on Un-American Activities Committee (HUAC; dem Ausschuss für unamerikanische Umtriebe, ursprünglich gegen Nationalsozialist:innen initiiert, dann aber vor allem gegen Kommunist:innen in den USA genutzt).
Strascheks ursprüngliches Projekt zum Filmexil weitete sich zu einer Erforschung der Verfolgung und Vernichtung ganzer Familienzweige aus, die Gegenstand der Interviews und persönlichen Briefe und Korrespondenzen wurden. Er suchte und sammelte akribisch Material zu einzelnen Menschen; zuerst notierte er die Informationen auf Karteikarten, später legte er die Dokumente in Personenakten ab. Mit vereinzelten Exilant:innen entwickelten sich daraus jahrelange Korrespondenzen und sogar Freundschaften.
Im Laufe der Jahre hat Straschek die Namen von über viertausend Personen zusammengetragen. Allerdings dokumentieren viele der überlieferten Personenakten erste Suchverläufe nach Personen, zu denen nur entfernte Verwandte Auskunft geben konnten, oder die nie gefunden wurden. Der Bezug zur Filmindustrie bleibt bei einigen Personen unklar.
Als Ergebnis des Projektes war die Herausgabe eines dreibändigen Lexikons geplant: Band I sollte alle relevanten Themen des Exils behandeln («Flucht, Leben, Arbeit»), etwa die verschiedenen Exilländer, die Tätigkeitsbereiche, aber auch die Rückkehr und die geplante «Wiedergutmachung» nach 1945. Ein Abschnitt war für das Thema «Faschismus und Film» vorgesehen. Die Bände II und III waren als Personenlexika angelegt; sie sollten auch ausführliche Filmografien enthalten. Dieses Buchvorhaben wurde jedoch nie zum Abschluss gebracht.
Die einzige Veröffentlichung bleibt eine Namensliste von 1.532 Filmexilant:innen, die im Zusammenhang mit der von Ronny Loewy konzipierten Ausstellung «Von Babelsberg nach Hollywood. Filmemigranten aus Nazideutschland» publiziert wurde.5
- Archiv Günter Peter Straschek. [bibliothek.de/item/NDJ2DBVRCS6EPAIC62TLNX2TOOOKWM27 (letzter Zugriff am 01.03.2024)]. ↩︎
- Klages, Imme (2018) «Abgemeldet nach Theresienstadt.» Karin Rausch über die Zusammenarbeit mit Günter Peter Straschek. In: Hier und Jetzt. Günter Peter Straschek. Emigration – Film – Politik. Hg. v. Julia Friedrich. Köln: Museum Ludwig. S. 262–267. ↩︎
- Straschek, Günter Peter/Museum Ludwig (2018) Hier und Jetzt. Emigration – Film – Politik. Hg. v. Julia Friedrich. Köln: Walther König. ↩︎
- DFFB Alumni. 1966, «Peter Straschek.» [https://www.dffb.de/akademie/dffb-alumni/ (letzter Zugriff am 01.03.2024)]; Vorgeschichte der dffb 1962–66 [https://dffb-archiv.de/ (letzter Zugriff am 01.03.2024)]. ↩︎
- Loewy, Ronny (Hg.) (1987) Von Babelsberg nach Hollywood. Filmemigranten aus Nazideutschland: Exponatenverzeichnis. Schriftenreihe des Deutschen Filmmuseums. Frankfurt am Main: Deutsches Filmmuseum. ↩︎