Arbeit in der Film- und Kinoindustrie

Günter Peter Straschek hat im Laufe seiner umfangreichen Recherche über 4.000 Namen von Personen identifiziert, die er zum historischen Filmexil zählt. Viele von ihnen haben in der Film- und Kinoindustrie gearbeitet, andere waren im Kulturbereich bzw. zugewandten Bereichen tätig oder als Angehörige von einer Verfolgung durch die Nationalsozialisten bedroht. In der Film- und Kinoindustrie waren aber nicht nur Regisseur:innen, Filmtechniker:innen oder Produktionsmitarbeitende von Arbeitsverboten und den Nürnberger Rassegesetzen betroffen, auch Sekretär:innen, Kinomitarbeitende, Kostümschneider:innen und viele andere Menschen verloren ihre Arbeitsplätze und beruflichen Möglichkeiten.

Im Abschnitt «Arbeit beim Film» finden sich verschiedene Angaben zu den beruflichen Tätigkeiten der Filmexilant:innen. Die Rubrik «Filmarbeit in Deutschland 1920-1950» zeigt u.a. welche Zäsur der Nationalsozialismus für die späteren Filmexilant:innen war.

Arbeit beim Film

Die Angaben zu den beruflichen Tätigkeiten, die in den Personen-Akten von Straschek zu finden sind, basieren in der Regel auf Selbstauskünften etwa aus Telefongesprächen, die Straschek mit den Exilant:innen geführt hat; manchmal hat er diese Informationen durch eigene Recherchen ergänzt. Entsprechend vielfältig und umfangreich sind die Bezeichnungen, die in den Akten zu finden sind. Von den 1.167 verschiedenen beruflichen Tätigkeiten, die aus den Straschek-Akten, der GND und IMDb kumuliert wurden und die von «2nd Unit Director» bis «Zeitungsverleger» reichen, fallen knapp 25 % auf Film- und Kinoberufe im engeren Sinn.

Diese große Anzahl an Tätigkeiten in den Straschek-Akten erklärt sich auch durch die vielen verschiedenen Arbeiten, die Exilant:innen im Laufe ihres Lebens annehmen mussten, um ein Auskommen für sich und ihre Angehörigen zu finden. Oft waren sie gezwungen ihren Beruf zu wechseln oder sie gingen einem Broterwerb in einer Hilfstätigkeit nach; viele mussten sich im Exil von der Filmarbeit und ihren Filmkarrieren verabschieden.1 Bis heute gehören Übergänge, Brüche und Lücken zu den Berufsbiografien von exilierten Filmemacher:innen.

Die vielen Wechsel verweisen aber auch auf die besondere Lage der Exilant:innen in den Jahren 1930 bis 1950. So arbeitete etwa Edgar G. Ulmer in 21 verschiedenen Tätigkeiten, darunter als Filmproduzent, Regisseur, Filmarchitekt, Drehbuchautor, Schriftsteller, Filmregisseur u. v. m.2 Die als Fotografin bekannte Gisèle Freund war sowohl als Fotografin, Fotojournalistin und Dokumentarfilmemacherin tätig.

Für die folgende Tabelle wurden alle Tätigkeiten in vier Kategorien sortiert. Einmal in so genannte Filmberufe im engeren Sinn; also Tätigkeiten, die explizit und ausschließlich in der Film- und Kinoindustrie ausgeübt werden konnten. Eine weitere Kategorie gruppiert die Tätigkeiten wie Musiker:innen, die sowohl im Film, wie aber auch in anderen Bereichen ausgeübt werden konnten. Die dritte Gruppe umfasst Berufe, die nicht zu den Filmberufen zu zählen sind und die letzte Kategorie umfasst Nennungen, die keine beruflichen Tätigkeiten im engeren Sinn darstellen, wie zum Beispiel ‹Anarchist›, ‹Amateur›, ‹Flüchtling›, ‹Sammlerin› oder ‹Mäzen›.

Aus der Tabelle wird ersichtlich, dass mehr als die Hälfte der Tätigkeiten, die bei Straschek in den Personen-Akten genannt werden, auf Arbeiten in der Film- und Kinoindustrie fallen und das, obwohl hier sehr viel weniger unterschiedliche Tätigkeiten geführt werden, als etwa Arbeitsbereiche, die anderen Branchen zuzuordnen sind. Dabei darf nicht vergessen werden, dass es viele Personen gibt, die Tätigkeiten in allen Bereichen nachgingen, wie etwa Julius Altmann (Pseudonym Robert Gilbert), der laut Straschek-Akte Statist, Amateur, Schauspieler und Strickwarenfabrikant war und somit sowohl innerhalb der Filmbranche wie auch in anderen Branchen gearbeitet hat.

Tabelle 1: Verschiedene Tätigkeiten nach Sparten
NennungenNennungen %TätigkeitenTätigkeiten %
Film und Kino7.9585629625
Film/Kino und andere künstlerische Bereiche2.7992023020
andere Branchen3.5022461753
nicht zuordenbar34>1252
n = 14.293 Nennungen

Quelle: Straschek, GND, IMDb (kumuliert)

Wenn man die gleichen Informationen nach Personen und Geschlecht aufschlüsselt, zeigt sich das folgende Bild: Das generelle Geschlechterverhältnis im Bestand entspricht auch der Verteilung bei den Film- und Kinoberufen. Nur bei den ‹anderen Branchen› ist der Anteil der Männer signifikant höher als bei den Frauen. Gar keine Angaben finden sich darüber hinaus bei signifikant mehr Frauen als Männern, nämlich bei 35 %.

Tabelle 2: Tätigkeiten kumuliert nach Geschlecht
Anzahl Personen*Davon Männer in ProzentenDavon Frauen in Prozenten
Film- und Kino2.5248020
Film/Kino und andere künstlerische Bereiche1.5918317
andere Branchen1.9088812
nicht zuordenbar338218

Quellen: Straschek-Akten, GND, IMDb (kumuliert)

Einen Überblick über die mannigfaltigen Tätigkeiten der Filmexilant:innen bietet das folgende Schaubild – ein so genanntes Dendrogramm. Dieses Format dient üblicherweise der Visualisierung einer hierarchischen Cluster-Analyse, was hier aber nicht das Ziel war. Hier wurde das Dendrogram explizit gegen seine ursprüngliche Bestimmung verwendet, nicht zuletzt, um auf bestimmte Problematiken von Visualisierungen zu verweisen.

Neben den Bezeichnungen, die in den Straschek-Akten verwendet wurden, sind im Dendrogramm auch der Tätigkeitskatalog von IMDb und der FIAF (der Internationalen Vereinigung der Filmarchive) als Korrespondenzen eingefügt. Dabei wird nicht nur deutlich, dass die historischen Selbstbezeichnungen, die von den Exilant:innen gewählt wurden, viel ausführlicher und vielfältiger sind, als die Tätigkeitslisten in den beiden genannten Verzeichnissen. Das liegt auch daran, dass sich mit den Veränderungen von Tätigkeiten im Laufe der Zeit auch ihre Bezeichnungen verändert haben. Gleichzeitig wird auch deutlich, in wie vielen Bereichen die Filmexilant:innen gearbeitet haben.

Schaubild 1: Dendrogramm der Tätigkeiten im Film- und Kinobereich

n = 463

Straschek IMDb Credits FIAF Glossary of Filmographic Terms (ohne Punkt)

Quelle: Straschek

Zwar lassen sich Tätigkeiten beim Film unter verschiedenen Gewerken bzw. so genannten Departments gruppieren und auch könnten diese hierarchisch angeordnet werden (etwa zwischen «above» und «below the line»), doch wurde das Dendrogramm hier anders angewendet. Neben den fehlenden Korrespondenzen zwischen den drei Verzeichnissen (dort, wo es keine Verbindungslinien gibt), enthält es im unteren Bereich eine lange Liste an Tätigkeiten, die zwar zu einer breit verstandenen Film- und Kinokultur gehören, aber weder dem Filmvor- oder -abspann (das ist die IMDb-Logik) oder einem einzelnen Filmtitel (FIAF-Logik) zugeordnet werden können. Ein Blick auf die Kategorie ‹Andere› zeigt Tätigkeiten, die im FIAF Vokabular, wie auch auf IMDb, nicht auftauchen: Film-Agent:innen, Filmwissenschaftler:innen, Journalist:innen, Medienrechtler:innen, Komiker:innen, Hörspielautor:innen, eine Rundfunkintendanz und Kulturpolitiker:innen.

Filmarbeit in Deutschland 1920–1950

Das folgende Schaubild zeigt die Anzahl von Exilant:innen, die zwischen 1920 und 1950 an Filmproduktionen in Deutschland oder an Ko-Produktionen mit Deutschland beteiligt waren. Um ihre Bedeutung für die Filmindustrie in Deutschland deutlich zu machen, wurden neben den Straschek-Informationen Angaben aus der IMDb hinzugezogen. Im untenstehenden Schaubild wurde spezifisch nach Filmen gesucht, die als Produktionsland oder Ko-Produktionsland ‹Deutschland› eingetragen haben. Darüber hinaus wurde die Personenanzahl an beteiligten Exilant:innen festgehalten.3 1931 waren noch 500 Personen, die später ins Exil gingen, im deutschen Filmbetrieb tätig und sind in Vor- und Abspännen aufgeführt; mit Beginn der Verfolgung ab 1933 geht die Zahl auf etwa 130 Personen im Jahr 1934 zurück. Mit Kriegsbeginn 1939 fällt die Zahl auf einen Tiefstand von 41 Personen, die bis Kriegsende noch weiter abnimmt, bis auf vier Personen im Jahr 1946. Die dunkelblau markierte Anzahl weist auf den Anteil der Filme in dem Jahr hin, die auf IMDb mit der Produktionsfirma Universum Film (Ufa) geführt werden. Ein Vergleichswert an deutschen Filmproduktionen pro Jahr in Deutschland für die entsprechenden Jahre konnte nicht eindeutig ermittelt werden. Alfred Bauers Deutscher Spielfilm-Almanach nennt 135 deutsche Spielfilme für das Jahr 1933.4 Eric Rentschler erwähnt hingegen über 107 deutsche Titel für das gleiche Jahr.5 Und Sabine Hake spricht von 114 deutschen Filmen mit dem Erscheinungsjahr 1933: «Of the 206 feature films released in Germany in 1933, 114 were of German and 64 of American origin.»6

In den MGFE-Daten sind es für das Erscheinungsjahr 1933 allein 175 Filme mit Deutschland als Produktions- oder Ko-Produktionsland und mindestens einer Beteiligung einer oder eines Filmexilant:in an der Produktion. Insgesamt beteiligte sich die untersuchte Gruppe an Personen im Jahr 1933 an 354 Filmen weltweit. Hier werden aber nicht nur Spielfilme wie bei Alfred Bauer oder Eric Rentschler einbezogen, sondern auch Dokumentar-, Experimental- und Kulturfilme, soweit diese bei IMDb genannt sind.

Schaubild 2: Filme mit Exilant:innen-Beteiligung, Produktions- oder Ko-Produktionsland Deutschland, 1920-1950

n = 1.926 Personen

Anzahl der Filme mit Exilant:innenbeteiligung; Produktions- und Co-Produktionsland Deutschland Davon mit Produktionsfirma Universum Film (UFA)

Datengrundlage: Alle Personen des Straschek-Nachlasses, die einen Eintrag auf IMDb haben und vor 1920 geboren wurden

Wird die Gesamtanzahl der Vor- und Abspann-Nennungen der Exilant:innen als Grundlage für die Visualisierung gewählt und nicht als einzelne Personen, sind es 27.142 Nennungen in 10.347 Filmen von 1920 bis 1950. Sie ergeben ein drastischeres Bild des Verlustes für die deutsche Filmindustrie nach 1933. Die Beteiligung an deutschen Ko-Produktionen steigt Mitte der 1930er-Jahre mit der Flucht nach Österreich, Ungarn und in die Tschechoslowakische Republik 1935 leicht an7 und wurde im folgenden Schaubild dunkelblau markiert.

Schaubild 3: Vor- und Abspann-Nennungen von Filmexilant:innen in Filmen mit Produktions- und Ko-Produktionsland Deutschland, 1920–1950

n = 27.142

Anzahl der Vor- und Abspann-Nennungen von Exilant:innen im deutschen Film Anzahl der Vor- und Abspann-Nennungen von Exilant:innen in Ko-Produktionen mit Deutschland

Datengrundlage: Alle Vor- und Abspann-Nennungen von Personen des Straschek-Nachlasses, die einen Eintrag auf IMDb haben und vor 1920 geboren wurden aus 10.347 Filme mit Erscheinungsjahr 1920–1950

  1. Die Fernsehdokumentation DIE VERGESSENEN (Peter Dreessen und Peter Adler, SDR 1956) beschreibt die Situation von Exilant:innen aus Deutschland, darunter auch Ärzte und Personen aus anderen Berufsfeldern als dem Film, die verarmt Anfang der 1950er-Jahre in Paris lebten. Asper, Helmut G. (2015) «Die Vergessenen.» Eine Fernsehdokumentation aus dem Jahre 1956, «die etwas bewirkt hat». In: Kometen des Geldes. Hg. v. Ursula Seener. München: Edition text und kritik, S. 246–263. ↩︎
  2. Vgl. Isenberg, Noah William (2014) Edgar G. Ulmer. A filmmaker at the Margins. In: Weimar and now: German Cultural Criticism. Berkeley: Univ. of California Press. ↩︎
  3. Dass nach 1933 und auch während des Krieges noch Filme mit Exilbeteiligung bei IMDb auftauchen, hat mit der Uneindeutigkeit der entsprechenden Daten zu tun. So werden auf IMDb Filme mit ihrem Erstveröffentlichungsjahr und nicht mit dem Produktionsjahr geführt. Mit entsprechender Vorsicht ist mit den Datierungen umzugehen. ↩︎
  4. Bauer, Alfred (1976) Deutscher Spielfilm-Almanach. 1929–1950. München: Filmbuchverl. Winterberg [https://d-nb.info/770597475/04 (letzter Zugriff am 22.03.2024)]. ↩︎
  5. Rentschler, Eric (1996) The Ministry of Illusion. Nazi Cinema and its Afterlife. Cambridge, Mass. [u.a.]: Harvard Univ. Press, S. 255. ↩︎
  6. Hake, Sabine (2002) Popular Cinema of the Third Reich. Austin: Univ. of Texas Press, S. 133. Sie notiert dazu: «The numbers are taken from Boguslaw Drewniak, Der deutsche Film 1938–1945, p. 814.» ↩︎
  7. Siehe auch: Loacker, Armin (2019) Unerwünschtes Kino: Deutschsprachige Emigrantenfilme 1934 bis 1937. Wien: Filmarchiv Austria. ↩︎